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Thomas Bez


Privatier und Waldgänger in Mecklenburg

Freier Berater für Informationstechnologie, Telekommunikation und Unternehmensorganisation

Briard-Liebhaber und Züchter

Stationen:

Abitur an der Schule für Mathematik "Heinrich Hertz" in Berlin

Militärdienst

Studium von Mathematik und Computer Science an der Humboldt-Universität in Berlin

Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften

Angestellt bei Siemens

Freier Unternehmensberater

Berlin, München, Leipzig, Riad, Paris, Frankfurt

 

 

»Nicht der Sitz allein, das ganze Land ist reizend und es ist gut da wohnen, wenn man von den Menschen kommt, wo sie ein wenig zu dicht an einander sind, und wenn man für die Kräfte seines Wesens Tätigkeit mitbringt. Zuweilen muß man auch einen Blick in sich selbst tun. Doch soll man nicht stetig mit sich allein auch in dem schönsten Lande sein, man muß zu Zeiten wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehren, wäre es auch nur, um sich an manchen glänzenden Menschentrümmern, die aus unsrer Jugend noch übrig sind, zu erquicken, oder an manchem festen Turm von einem Menschen empor zu schauen, der sich gerettet hat. Nach solchen Zeiten geht das Landleben wieder wie lindes Öl in das geöffnete Gemüt. Man muß aber weit von der Stadt weg und von ihr unberührt sein. In der Stadt kommen die Veränderungen, welche die Künste und die Gewerbe bewirkt haben, zur Erscheinung, auf dem Lande die, welche naheliegendes Bedürfnis oder Einwirken der Naturgegenstände auf einander hervorgebracht haben. Beide vertragen sich nicht, und hat man das Erste hinter sich, so erscheint das Zweite fast wie ein Bleibendes, und dann ruht vor dem Sinne ein schönes Bestehendes und zeigt sich dem Nachdenken ein schönes Vergangenes, das sich in menschlichen Wandlungen und in Wandlungen von Naturdingen in eine Unendlichkeit zurückzieht.«

Adalbert Stifter, Der Nachsommer

 

Das Politische und das Vermischte hier nachfolgend im Weblog, unsere Hunde im Briard-Weblog.

 

Kontakt: bez@tedesca.net

 


Dreimal 30 Jahre

Von Thomas Bez
12.04.2019 09:20 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Die Zahl 30 ist ein Mythos. 30 Jahre nennt man ein Menschenalter, die Frist ist lang genug, um für sich genommen ein ganzes Leben zu sein. Das Leben währet aber siebzig Jahre und wenn es hochkommt, sind es inzwischen sogar neunzig Jahre. Wer auf sich achtet, kann den Turnus bis zu dreimal in seinem Leben durchlaufen, und wer im Geiste jung geblieben ist, kann aus jedem 30sten Jahr einen Paradigmenwechsel machen. Die 30 ist eine Zahl wahrhaft nach menschlichem Maß.

Das erste 30-jährige Trimester unseres Lebens lebten wir rechts von einer Mauer in einem kleinen, albernen, ernsthaften Land und bereiteten uns auf das vor, was wir von der Welt erwarten konnten. Das kam in jenem zweiten Drittel unseres Lebens, das uns ordentlich in der Welt herumführte und uns ein nicht zu bemängelndes Auskommen bescherte. So lange, bis wir nach weiteren knapp 30 Jahren die nötigen Mittel uns erarbeitet hatten, aus unserem Überdruß an der erschlafften globalisierten Welt die Konsequenz zogen, allen Gewerbefleiß von uns warfen und uns ins Privatleben zurückzogen.

Kürzlich fand die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz statt, und diesmal war die Stimmung anders als in all den Jahren zuvor. Diesmal störte nicht nur der russiche Außenseiter mit einer Ansage. Zu unserer Überraschung hörten wir bittere Worte des Veranstalters, daß auf der internationalen Bühne nicht mehr wie gewohnt miteinander gesprochen wird. Sozusagen das vormals übliche Protokoll der Feindseligkeit durch eine unprotokollarische Feindseligkeit abgelöst wurde. Die globale Sicherheit sei heute so gefährdet wie seit 30 Jahren nicht mehr. Was wir schon länger wissen konnten, haben wir nun sozusagen amtlich: Die Welt ist aus den Fugen.

Wir haben das Jahr 2019 und Mitte des Jahres wird wieder das große Plappern und Schulterklopfen derer anheben, die von der Nachverwertung der Revolution vor 30 Jahren leben, an der sie keinen Anteil hatten. Und da wir schon wieder den einen oder anderen Afterwissenschaftler hören, der sich ein Zubrot mit einem Referat über die Mauer in den Köpfen verdient, wollen wir ein wenig über eine neue reale Mauer spekulieren, deren Errichtung noch vor Frist der nächsten 30 Jahre Europa erneut teilen sollte.

I.


Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

So eine friedliche Revolution ist eine feine Sache, besonders weil sie Investoren nicht verschreckt. Die Nation hätte sich zu einer ganz anderen entwickelt als der, mit der wir es heute zu tun haben, wäre es damals zur Eskalation zwischen Staatsmacht und Straße gekommen. Einerseits wäre das ein längerer Weg zur von vielen ersehnten Einheit geworden, andererseits hätte Deutschland heute eine Verfassung und hätte den Besatzungszustand hinter sich gelassen. So manche Investition wäre dem Osten erspart geblieben und es gäbe mehr Arbeit im eigenen Land. Man nennt es Freiheit. Jetzt kommt östliches Selbstbewußtsein 30 Jahre zu spät.

Die Revolution geschah am 4. November 1989 in Berlin. Dies war der Tag, da die Staatsmacht in sich zusammensackte. (Manche sagen, dies geschah schon am 9. Oktober in Leipzig. Das wollen und können wir nicht bestreiten, dort waren wir nicht dabei.) Für die, die nicht auf dem Alexanderplatz gestanden haben oder die sich nicht mehr erinnern können: Es waren Dichter und Schauspieler, die diese Demonstration initiiert hatten und dort, ironischerweise sekundiert durch einen abtrünnigen Geheimdienstchef aus illustrer Familie, sprachen. Wahrlich eine zutiefst romantische Revolution, ein wenig 19tes Jahrhundert vor den Toren des 21sten.

Am Mittag war jedem klar, daß danach nichts mehr bleiben würde, wie es war. Der 9. November und der 3. Oktober waren nur noch der vulgäre Abgesang auf diese Revolution, die Wegmarken ihres überschnellen Scheiterns, ihr Abrutschen in die Farce. Die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn hatten das Glück, es nicht so leicht zu haben wie die Ostdeutschen. Sie mußten ihren Weg aus dem Ostblock selbst finden. Das war weniger Sicherheit, mehr Arbeit, was immer mehr Freiheit gebiert. Heute gehören ihre Länder noch immer diesen Völkern, der Grund und Boden wie die Macht darin.

Uns ging der würdelose Beitritt nichts mehr an. Am 4. November hatten wir auf dem Alexanderplatz gestanden. Am 9. November verließen wir unsere Arbeit wie immer spät, sahen daheim noch ein paar Fernsehbilder von der beginnenden Unterwerfung. Dann suchten wir unsere persönliche Freiheit und wandten uns für die nächsten beinahe 20 Jahre wieder ausschließlich unserer beruflichen Karriere in der freien Wirtschaft und unseren privaten Bildungsinteressen zu. Und unsere heutige Machthaberin begann ihre politische Laufbahn mit ihrem flinken Beitritt zum Demokratischen Aufbruch.

Wir hatten nur wenig zuvor die übliche 19-jährige Ausbildungszeit aus Schule, Militärdienst und Studium hinter uns gebracht. Zu jener Zeit und in jenem Land galt es noch als ehrenvoll, ein MINT-Fach zu studieren. Aber damals konnte auch noch lesen, schreiben und rechnen, wer sich immatrikulierte. Der Bedarf an geisteswissenschaftlichen Staatskarrieristen, die der Gesellschaft auf der Tasche liegen, war noch nicht so hoch wie heute. Wir hatten allerdings auch schon mit zehn Jahren ein klares Ziel, was wir tun wollten. Wir hören, daß es heute viele mit dreißig immer noch nicht wissen. Erwachsen zu werden hat der Städter in diesem Land nicht mehr nötig.

Wir waren nach unserer Ausbildung befreit von etlichen Konformitätszwängen, hatten begonnen, wider den Stachel zu löcken und wußten, was wir erreichen wollten. Für uns war es irrelevant, ob die Deutschen denn nun ein Volk oder derer zwei seien. Aus der absehbar untergehenden Akademie der Wissenschaften planten wir mit einigen Gleichgesinnten die Ausgründung eines Softwareunternehmens und hatten uns die Mitarbeiter ausgewählt, die wir uns wünschten. Dann kamen die großen Telekommunikationsfirmen mit teils extra neugegründeten Entwicklungszentren und einem praktisch pauschalen Stellenangebot. Pläne versanken in einem Strom des Geldes, die Gefolgschaft löste sich augenblicklich auf und das Unternehmenskonzept war gescheitert. Wir konnten uns dann nur noch selbst das beste Angebot aussuchen.

Wir wollen uns keineswegs über die rundum abgesicherte Beschäftigung, angestellt in einem Konzern, basierend auf einem Vertrag, wie er in den 1990er Jahren noch üblich war, beschweren. Von denen, die heute in eine qualifizierte Tätigkeit starten wollen, finden nur noch wenige solche Bedingungen vor. Diese Beschäftigungsweise ist allerdings auch viel zu komfortabel, um gut zu sein für einen jungen Menschen. Es dauerte für uns noch mehr als 15 Jahre, bevor wir endlich den nächsten Absprung in die Selbständigkeit machten und noch sehr lukrative zehn Jahre auf eigene Rechnung arbeiteten. Die Globalisierung sorgt gut für ihre Leute. Für die Zyniker unter ihnen ist es wichtig, lange genug zu funktionieren und nicht zu früh auszusteigen.

II.


Hieronymus Bosch, Der Wanderer
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Vorerst arbeiteten wir in Berlin, München, Leipzig als Landsknecht der Globalisierung, die aber für die Firma insgesamt eine eher mißlungene Globalisierung werden sollte. Wir bereisten für unseren Beruf die Welt. Wir waren in Taiwan und lernten, daß Taiwanesen ihre liberal-demokratische Eigenstaatlichkeit mitnichten übermäßig hoch schätzen. Ihr kultureller Bezug zu "Mainland China" rangiert höher und das Mutterland ist eine Art Sehnsuchtsort, von dem sie sich abgeschnitten fühlen. In Amerika haben wir gelernt, daß ein Chinese in erster Linie ein Chinese und loyal zu China ist, wo auch immer in der westlichen Welt er studiert oder arbeitet. Blut ist eben doch dicker als Wasser, jedenfalls in einer Kultur, deren Bindekräfte stark genug sind, ihr Volk über Jahrtausende zusammenzuhalten.

In Vietnam haben wir gesehen, welche Schaffenskraft ein Volk hat, das diszipliniert ist und gewohnt, für sich selbst zu sorgen. Wir können gar nicht genug das Lob der nichtislamischen asiatischen Nationen singen. Das Gegenmodell haben wir in Malaysia gesehen, wo die Wertschöpfung in den Händen der chinesischen Minderheit liegt und die Drecksarbeit die Inder machen.

In Amerika haben wir gesehen, wie die Deplorables leben in Flyover-Country, das schon eine Autostunde weg von den Metropolen beginnt und wo die Leute heute sicherlich Trump wählen. Kaum etwas anderes hätte uns so versöhnen können mit dem eigentlich geringgeschätzten Amerika wie diese Tafel vor einem Waldgebiet am Rande des Olympic National Park: "Forest plantation first harvest 1930. Second harvest 1984. Next harvest 2036. Jobs grow with trees." Dort, am Ende der Welt, war plötzlich ein Jahrhundert wie ein Tag. Hingegen wird uns die Stadt Seattle auf ewig vergeßlich bleiben.

In Australien haben wir Freiheit gespürt, wie sie aus der unermeßlichen Weite des Landes entsteht. In Südafrika sind wir 1998, zehn Jahre nach Ende der Apartheid, zwischen Pretoria und dem Krüger-Nationalpark herumgefahren als Weißer in einem Mittelklasse-Ford auf einer Tour, die schon damals weiße Einheimische die Augenbrauen hochziehen ließ und die heute nach 20 Jahren weiterer Fortschritte im Land lebensgefährlich wäre.

Auf vier Reisen nach Saudiarabien in den Jahren 2000 bis 2003 haben wir die Absurditäten der arabisch-islamischen Welt in konzentrierter Form besichtigen können.

Während wir außerhalb Europas nur geschäftlich unterwegs waren, bereisten wir Europa sowohl beruflich als auch privat. Vor unserer ersten Urlaubsreise nach Frankreich nutzen wir die Gelegenheit, in einem mehrwöchigen Kurs Französisch zu lernen. Die Kenntnis der Sprache sollte uns im späteren Leben noch außerordentlich nützlich werden. Wir waren viel unterwegs in Paris und im wahren Frankreich. Eine der privaten Reisen galten der Besichtigung der gotischen Kathedralen um und in Paris. (Erwin Panofskys "Gotische Architektur und Scholastik" war uns eine sicher etwas ungewöhnliche Inspiration für diese Reise.) Abschluß und Höhepunkt sollte Saint-Denis sein, die wichtigste und schönste Kathedrale des Abendlandes. Als wir die schockierende Umgebung sahen, zu der die pariser Vorstadt Saint-Denis geworden war, begannen wir zu verstehen, daß Frankreich über kurz oder lang verloren sein würde. Das war vor 20 Jahren; seitdem haben wir den Gürtel um Paris gemieden. Das Zentrum unseres Abendlandes steht buchstäblich in Flammen.

Wir werden Lissabon, wo wir öfter waren und das wir sehr lieben, immer als die europäischste Stadt in Erinnerung behalten, die wir je gesehen haben. Das nach seiner Zerstörung im 18. Jahrhundert wiedererbaute Lissabon strahlte jedenfalls vor zehn Jahren noch immer den Glanz des überlieferten Europa aus, aber wir glauben nicht, daß dieser Glanz erhalten bleiben wird. Vielleicht ist er mittlerweile schon perdu.

Reisen bildet. Wo andere sich mit einem Vorurteil begnügen müssen, zum Beispiel weil sie es nur nach London-Paris-Amsterdam oder an den Strand von Bali schaffen, steht uns ein Urteil zur Verfügung. Wir können sehr wohl zwischen dem Wert der verschiedenen Kulturen differenzieren. Wir haben Kulturen gesehen, die ihr Volk über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende getragen haben und denen die Zeitläufte anscheinend nichts anhaben können, die sich vielmehr immer wieder aus eigener Kraft erneuern; hermetische Kulturen, die im Bewußtsein ihres Selbst alles Fremde als zweitklassig betrachten. Wir haben Zivilisationen gesehen, die eine Kulturstufe nicht erreicht haben und deren kollektives Gedächtnis nie mehr als sechs Generationen zurückgereicht hat. Wir haben unsere eigene Kultur aus der Perspektive vieler verschiedener Völker studieren können, die einst schwindelnde intellektuelle, ästhetische, innovative Höhen erreicht hat, ihre Peripetie in der fatalen Revolution vor 200 und einigen Jahren gefunden hat und sich seither von einem -ismus zum nächsten ihrer Selbstauslöschung entgegenwindet.

Wir haben schließlich Kulturen gesehen, die sich nur aus Hemmnissen ihrer selbst zusammensetzen, es niemals geschafft haben, einen Beitrag zur eigenen Fortentwicklung aus sich selbst zu schöpfen und der Welt einzig eine aggressive politische Religion zu bieten haben. Und Kulturen, deren Welthorizonte nicht über ihr das jeweilige Stammesgebiet oder den Herrschaftsbereich ihres jeweils aktuellen Warlords hinausreichen, die noch nach Jahrzehntausenden der Evolution in vorhistorischer Agonie feststecken. Die Gnade war uns zuteil, dies alles zu sehen auf unseren Reisen und zu verstehen. Wer es verstanden hat, weiß, was über unsere erschöpfte, postmoderne, post-aufgeklärte, postheroische Alte Welt kommen wird.

Das Reisen war nach den frühen 2000er Jahren nicht mehr vergleichbar mit dem zuvor. Den Charme des Reisens, dessen letzte Überbleibsel wir in den 1990ern noch erleben konnten, gibt es nicht mehr. Die letzten Reste von Freiheit im Reisen werden nach und nach beseitigt. Auf unserer letzten Reise nach England im Jahr 2015, die auch buchstäblich unsere letzte gewesen sein soll, haben wir vom Fliegen mit seinen entwürdigenden Prozeduren abgesehen und die Eisenbahn benutzt.

Die meisten unserer Länder konnten wir selbst fahrend erschließen. Die üblichen Sehenswürdigkeiten schätzen wir eher gering, aber wir erfassen und verstehen ein Land, wenn wir es auf uns selbst gestellt durchstreifen können. Taipei, Kuala Lumpur, Hongkong, Mumbai, wo uns das nicht möglich war, bleiben nur blaß in Erinnerung.

Wir haben das Gefühl, genug gesehen zu haben von der Welt. Wir sind über die Jahre des Reisens müde geworden. Auch ist die Welt mit der Globalisierung in den letzten 30 Jahren deutlich kleiner und flacher geworden, und gerade noch Mecklenburg scheint uns groß genug, um unseren Ansprüchen zu genügen. Allerdings fehlt uns Rußland. Wir sind zwar einige Male im Baltikum gewesen, zum Beispiel in Lettland im Frühjahr 1989, was dort eine sehr aufregende Zeit war. Aber leider nie in Rußland. Sogar die Sprache brächten wir schon mit. Aber wie viele Leben braucht es, um Rußland zu "er-fahren"?


*     *     *

Hieronymus Bosch, Das Narrenschiff (Ausschnitt)
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Wir verließen das Telekommunikationsunternehmen, als unser Unternehmensbereich in finnische und indische Hände geriet. Bei allem Respekt für Finnen und Inder wollten wir nicht fremden Herren dienen. Wir woben weiter mit an der Globalisierung als Freiberufler in der Finanzindustrie, was uns jeweils für längere Zeit nach Paris, München und Frankfurt führte. Wir pendelten zwischen Berlin und Frankfurt, als die vorerst letzte Welle des Irrsinns begann, über die Deutschen zu rollen und das Land sich binnen kurzer Zeit von einem funktionalen Sumpf in einen dysfunktionalen verwandelte. Wir hatten reichlich Zeit, auf der Autobahn die Nachrichten zu verfolgen, kommentierten in wilder Empörung zu Artikeln in der FAZ und anderen Medien und konnten einfach nicht glauben, was da geschah.

Bis dahin hatten wir zwanzig Jahre lang, von 1990 bis 2009, je nach Opportunität CDU und FDP gewählt und dürfen damit als wohlmeinende Stütze des alten Systems der BRD gelten. Ein Fehler, den wir uns nicht verzeihen. Damals glaubten wir tatsächlich noch, daß es im Westen zum Links immer auch ein Rechts geben müßte als politischen Gegenpol, daß es konservative Parteien seien, die wir wählten, und daß unsere Wahlentscheidung der richtige Weg sei, Nihilismus und die Ideologie der kulturellen Beliebigkeit von unserer Gesellschaft fernzuhalten. (Oder, wie das häufig genannt wird: den Kulturmarxismus, obgleich dieser mit Marxismus überhaupt nichts zu tun hat.)

Das böse Erwachen in den Jahren 2011 und 2012 kam mit dem voluntaristischen Ausstieg aus der Kernenergie ("Energiewende"), EFSF ("Rettungsschirm"), Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und ESM (noch mehr Rettungsschirm). Und munter ging und geht es immer weiter: 2013 die neue große Koalition, 2015 die Freigabe des Landes für die Besiedlung durch die Unterschichten aus der dritten Welt, schließlich die Abschaffung individueller Mobilität in den nächsten 15 Jahren und die Aufgabe der letzten belastbaren Energiegewinnungsoption in den nächsten 20 Jahren. Dies alles unter der Herrschaft einer einzigen Kanzlerin. Wenn wir sie endlich los sind, werden zwei Drittel ihres Regnums ein einziger großer Potlach gewesen sein, von dem sich unser Land nie wieder erholen wird.

Nie haben wir einen Verrat empfunden wie den der 2010er Jahre. Der Staat, in dem wir aufgewachsen sind, war uns verhaßt, aber er hat uns nicht getäuscht. Er war frappierend genau, was er zu sein beabsichtigte und vorgab: die Diktatur des Proletariats in all ihrer Widerwärtigkeit und Berechenbarkeit. Was wir diesem Staat zugute halten können: er suchte keinen Bruch mit unserer deutschen, europäischen, abendländischen Kultur. Er suchte unter ideologischen Schmerzen in den Grenzen seines Begriffes von Sozialismus Kontinuität. Er war nicht religiös, aber auch nicht kommunistisch, sondern opportunistisch, er war nicht russisch, sondern deutsch. So wie Polen polnisch blieb und Ungarn ungarisch.

Der politische Teil unserer Erziehung war darauf hinausgelaufen, dem Staat zu mißtrauen, in dem wir leben, aber uns mit ihm zu arrangieren. Wir sollten unser Tun und unsere Worte gut abwägen, ausreichend Abstand wahren zu Leuten, denen wir nicht ganz vertrauen können, vielleicht gelegentlich einmal kritisch auftreten, aber immer loyal erscheinen. So haben es auch die Eltern ihr ganzes Leben lang gehalten. Die Grundkonstante seit Eintritt in die Schule war: Der Junge soll studieren dürfen. So verachteten wir den Staat und wir liebten das Land. Oder, wenn es zu hoch gegriffen ist, hier gleich von Liebe zu sprechen: Unser Land war eine Selbstverständlichkeit, der Staat war keine. Seit wir ein Alter erreicht hatten, da solche Begriffe Gestalt annehmen konnten, vermochten wir zwischen Land, Nation und Staat zu unterscheiden, die Grundlage aller politischen Bildung. Die Loyalität war auf das tadellose Funktionieren angelegt, soweit es die erfolgreiche und gut bezahlte Erwerbstätigkeit in einer soliden Nische der Gesellschaft betraf. So haben wir es immer gehalten und unsere Ausbrüche seit unserer Jugendzeit waren wohldosiert und richteten sich danach, was möglich war ohne die künftige oder bestehende berufliche Existenz zu gefährden. Die entgegengesetzte Möglichkeit, einen Schritt weiter zu gehen und sich dem Staat neben- oder hauptberuflich als Scherge anzudienen, ist unter diesen Prämissen nicht einmal vorstellbar. Den gebildeten Teil des Volkes hat dieses Prinzip meist gut durch die Zeiten gebracht. Es ist eine Feiung, die ein ganzes Leben lang hält. Kürzlich fragte eine Kolumnistin im von uns sehr geschätzten Blog der Neuen Rechten, wie man seine Kinder in Zeiten der ideologischen Vergiftung erziehen und vor der Propaganda behüten soll, der sie schon im Kindergarten ausgesetzt sind. Dies hier könnte eine Antwort auf ihre Frage sein. Aber es ist schon seltsam, was man den Leuten alles erklären muß.

Was wäre, wenn? Hätte es 1989 nicht gegeben, nicht Gorbatschow, und wäre dieses kleine, alberne, ernsthafte Land irgendwie über die Runden gekommen: Wie ginge es uns dann heute? Wären wir mit unserer Frau verheiratet? Ja, das ist gewiß. Wären wir in der Welt herumgekommen? Auf jeden Fall, den wir waren privilegiert qua Leistung. Wahrscheinlich wäre Amerika nicht dabei gewesen, aber dafür Rußland. Hätten wir ein gutes Auskommen gefunden? Ganz sicher. Den guten Start hatten wir schon absolviert. Uns standen alle Wege offen, für die wir unsere Seele nicht dem Staat hätten verkaufen müssen, und solche Wege gab es auch damals viele. Hätten wir Briards gezüchtet? Das ist recht wahrscheinlich, denn der Keim für diese Leidenschaft war zu jener Zeit bereits gelegt. Unsere Reisen dafür hätten uns vielleicht eher in die Tschechei und Ungarn geführt als nach Belgien und Holland. Würden wir heute in mecklenburger Abgeschiedenheit leben? Das hätten wir nicht weniger gewollt. Vermutlich hätten wir das schon eher geschafft, als es uns in diesem realen Leben gelungen ist, und wir hätten ein Haus weniger gebaut. Was würde uns fehlen? Vielleicht würden wir glauben, daß uns mehr Wohlstand zustünde und wir weiter hätten herumkommen müssen und das tägliche Leben weniger mühevoll sein müßte. Aber solche Dinge glaubt man immer nur. Wären wir frei? Wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger, als wir es heute sind. Sind wir jemandem außer unseren Familien etwas schuldig? Nein, was Wir sind, wir und unsere Frau, sind Wir durch Uns.


*     *     *

Hieronymus Bosch, Der Gaukler
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Wir konnten in den vergangenen 30 Jahren den Prozeß einer umfassenden Enteignung westlicher Gesellschaften beobachten: von Bürgerrechten zugunsten sogenannter Menschenrechte, vom Recht, sich zu verteidigen, von Nation und Kultur. Aus Bürgern wurden einfach nur Menschen, aus der bürgerlichen Gesellschaft die Zivilgesellschaft, aus Staatsbürgern Menschen, die schon länger hier sind, aus Volk wurde Bevölkerung, aus Bildung wurde Kompetenzvermittlung. Mit Jubel stürzen sich die Mehrheiten der autochthonen westlichen Gesellschaften in die Selbstveräußerung, Selbstentmannung, Selbstentleibung. Die neueste Mode ist, wie eine ekstatische Horde Flagellanten einer mental gestörten kindlichen Savonarola zu folgen. Die, die sich aufgerufen fühlen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, schließen ihre Reihen. Die Kulturrevolution sendet ihre Kinderarmeen aus, welche auf eine bereits durchinfantilisierte Gesellschaft treffen. Ein paar sonnige Freitage lang hüpfende Kinder zwingen das politische System in die Knie und plötzlich will das halbe Volk grün wählen.

Was in ganz Westeuropa geschieht, besonders aber in unserem Land, ist zu einem großen Teil völlig irrational, mit dem Gesetz des Kapitals nicht erklärbar, aber nach dem Gesetz des Kapitals für eigene Zwecke höchst nützlich, wo ein Verwertungsinteresse besteht. Einerseits möchten wir uns lustig machen über all die Albernheiten und Zeichen kollektiven Wahns, andererseits wissen wir, daß der Rückfall in einen voraufgeklärten gesellschaftlichen Zustand der (west-) europäischen Kultur ein Ende machen wird. Bezeichnenderweise kommt das Allerheiligste, die Eigentumsrechte, zum Schluß. Die werden jetzt zur Disposition gestellt. Aber die Symbiose aus Sozialismus und globalisiertem raffendem Finanzkapital ist nicht der Dritte Weg, nach dem Generationen von verzweifelten Renegaten gesucht haben.

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Staates BRD ist nicht freiheitlich ist und die Demokratie als gelenkte Massendemokratie ein Element des staatlichen Herrschaftsinstrumentariums: ein Repressionssystem, das in den Totalitarismus universalistischer Ideologie führt. Nur das Wort "Grundordnung" ist einigermaßen ehrlich, insofern es dem Staat an einer Verfassung gebricht und dafür muß ein im Takt des Zeitgeistes den Opportunitäten der Herrschaftsausübung angepaßtes Grundgesetz herhalten: ein Besatzungsstatut, dessen Würde auf dem Niveau des Sumpfes liegt, dessen Interessen es bedient. Das Privileg einer sakrosankten Verfassung als letzte Bastion des Volkes gegen die staatlichen Gewalten, die freilich auch nur das Volk vor Zumutungen des Staates schützt, nicht vor eigener Torheit, besitzt Amerika, nicht wir.

Nirgendwo im Parteiensystem dieses Staates finden wir eine politische Heimat. Wir halten auch nicht viel von der AFD. Es geht schon damit los, daß diese Partei kein politisches Programm hat, nur ein opportunistisches. Der Flügel macht uns Freude, aber insgesamt ist die Partei viel zu angepaßt, insbesondere im Westen. Natürlich wählen wir sie, denn es gibt ja keine andere Opposition, und eine nicht abgegebene Stimme nützt den Blockparteien, wir sagen dazu: dem Feind. Aber wer wie die AFD Teil des Systems sein will, ob als Person oder als Organisation, muß sich anpassen, und wer dem System nur den kleinen Finger reicht, hat schon verloren. Den treibt es bis zur völligen Erschöpfung vor sich her, denn dafür hat es die nötigen Ressourcen. Nur Fundamentalopposition hätte uns imponieren können, dazu braucht es Hardliner. Die AFD ist nicht die Bewegung, die das System umwälzen wird. Sie hängt immer noch ihrem naiven Gründungsglauben an, daß man das System auf parlamentarischem Wege von innen heraus reformieren kann.

Revolutionen werden auf der Straße gemacht, nicht im Parlament. Im Parlament werden die Siege vollendet. Das hätte die AFD von den Nationalsozialisten, von der BRD-APO oder der halbvollendeten Revolution 1989 lernen können, wovon die letzten beiden Beispiele zeigen, daß das auch recht friedlich zugehen kann. Doch so, wie sie jetzt agiert, wird die AFD nur ein weiterer Bestandteil des westlichen Systems sein, das orientierungslos, identitätsvergessen und unfähig, seine Feinde zu erkennen, an seinen inneren Widersprüchen zerbricht. Die AFD ist kompromißlerisch, war das bisher unter jeder Führung, ob Lucke, Petry oder Weidel. Jede Rechtfertigung ist aber eine Unterwerfung, jede Distanzierung ein Verrat. Never complain, never explain. Der Staat ist sehr erfolgreich dabei, diese Partei zu zersetzen. Die AFD wird sich früher oder später in der parlamentarischen Mitte etablieren, um so wie die Grünen heute in 30 Jahren selbst zu schmarotzen. Andere Parteien werden hoffentlich kommen. Für eine Erneuerung braucht es allerdings eine, die früher einmal Partei neuen Typus genannt worden wäre. Lenin-Lektüre lohnt in jedem Fall, auch für eine konservative Revolution.

III.

Die Dekadenz einer Gesellschaft bemißt sich weniger an der Größe ihrer Laster, die sie ausübt, sondern vielmehr an der Niedertracht ihrer Werte, die man verehrt.

Thierry Maulnier, zitiert von Dominique Venner


Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, Mitteltafel
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Wer die Mechanismen der Auflösung des Westens verstehen will, dem können wir zwei Bücher besonders ans Herz legen: Arnold Toynbees "Gang der Weltgeschichte" aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und Tocquevilles "Demokratie in Amerika", zweihundert Jahre alt. Toynbee ist hierzulande nicht so bekannt wie Spengler, aber als Kulturmorphologe ist er sozusagen der "bessere Spengler", denn sein Ansatz ist systematischer. Und für die Vernutzung in der Argumentation ist Toynbee sehr viel brauchbarer, da er als Engländer nicht als Vordenker des Nationalsozialismus diffamierbar ist. (Welcher Vorwurf, der Spengler notorisch gemacht wird, absurd ist, da gerade dem Nationalsozialismus ein extremer Kulturoptimismus zu eigen war.) Toynbees Interpretation des Lebenszyklus von Kulturen wollen ihr demnächst noch einen gesonderten Beitrag widmen.

Die Positionen des aufgeklärten Aristokraten und des christlichen Gelehrten liegen uns besonders nahe, und daß sie den Niedergang unserer Demokratie und unserer Kultur ex ante erklären, macht ihre Analysen glaubwürding weil frei von Interessen. Ex post muß man nur noch Historiker sein, und wer von denen traut sich heute schon noch, die Dinge beim Namen zu nennen. Wer überhaupt traut sich, die Zustände, die uns umgeben, beim Namen zu nennen, wenn er noch auf einen Broterwerb angewiesen ist? Wir können dies hier nur schreiben, weil wir nicht mehr in der sogenannten freien Wirtschaft dienen müssen. Freiheit, von Orwell einzig zurückgeführt auf Redefreiheit als das Recht, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen, ist gelebte Unabhängigkeit und reicht auch genau so weit wie die Unabhängigkeit. Das war schon immer so.

Wann gab sich der Westen auf? Mancher mag dies um den ersten Weltkrieg herum verorten. Wir sehen die Selbstaufgabe des europäischen Westens als eine indirekte Auswirkung von Demokratisierung und Liberalisierung nach dem zweiten. Es begann in den 1960er Jahren in Frankreich sichtbar zu werden. Dominique Venner bringt es in "Das rebellische Herz" auf die Formel, die Frage der Epoche habe für Frankreich darin bestanden, ob Algerien französisch werden würde oder Frankreich algerisch; die einheimischen Eliten hätten alles dafür getan (oder eher unterlassen), daß letzteres geschah. In England gab es 1968 Anlaß für für den Parlamentsabgeordneten Enoch Powell, die "Rivers of Blood"-Rede zu halten, um vor nicht mehr rückgängig zu machender Infiltration zu warnen. Auch in Deutschland wurde in den 1960ern der Grundstein für die Selbstaufgabe gelegt. Nicht anders in den skandinavischen Ländern, Holland, Belgien, Spanien... Aufgrund der demographischen Sachlage und dem unterschiedlichen Vermehrungspotential der ethnischen Gruppen werden sich die Mehrheitsverhältnisse in allen westeuropäischen Ländern in den kommenden 30 Jahren verschieben und damit die neuen Mehrheiten auch Macht in den Staaten beanspruchen werden. Die "Unterwerfung" ist kein literarisches Schauerszenario, sondern wird überall im Westen Realität werden. Das würde selbst dann gelten, wenn die Masseneinwanderung nicht weiter fortschritte, wovon keine Rede sein kann. Es ist bereits jetzt zu spät. Das liberalistische System ist an seiner Permissivität bereits zugrunde gegangen, es hat dies nur noch nicht bemerkt.

Was könnte nicht sonst noch alles passieren jetzt oder bald oder später. Die europäische Union könnte weiter am Südrand auseinanderbrechen, genauso ungeordnet und unprofessionell wie zur Zeit am Nordwestrand, und Deutschland bliebe auf einer Billion Euro Targetsaldo für immer sitzen. Eine weltweite Finanzkrise könnte uns alles an Vermögen und Ersparnissen nehmen außer unserem Grund und Boden. Die nächste deutsche Regierung könnte auch den Grund und Boden verstaatlichen und den Besitz sonstigen Nichteuro-Kapitals verbieten. Unsere Energieversorgung, jedenfalls in Deutschland, könnte zusammenbrechen, und das nicht nur für Tage, sondern für Wochen, Monate, noch länger. Die Amerikaner könnten einen nuklearen Krieg mit Rußland anzetteln mit uns als Kollateralschaden. Jedes dieser Szenarien hat eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit und würde uns mehr oder weniger gründlich auslöschen. Aber auch wenn das Schicksal uns all dies ersparen sollte, ist gewiß, daß Westeuropa in einen bunten Teppich von Stammesgebieten und Clanzellen zerfallen wird. Das wird jenseits der Kategorien von Staatlichkeit ablaufen, wie wir sie in den 1990er Jahren noch hatten.

Wie zwölf Jahre zuvor den Fall der Mauer sahen wir 2001 befremdet die Bilder der fallenden Türme, und wieder wußten wir gleich, daß das, was man glauben könnte zu sehen, nicht das war, was wirklich geschah. Wir sahen die Ästhetik einer präzisen Sprengung zweier (wie wir später erfahren sollten: dreier) Türme, die als Sprengung der Weltordnung gedacht war. Hellsichtig bezeichnete Stockhausen die Anschläge als das größte Kunstwerk. Amerika läutete seinen eigenen und unseren Abstieg ein, während etwa zur gleichen Zeit Rußland nach dem Desaster der Gorbatschow- und Jelzin-Jahre sich wiederzuerschaffen begann.

Wir können auch im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts noch recht bequem und einigermaßen frei von Bevormundung leben dort, auf unserer Roten Schanze, wo wir uns zur Kontemplation niedergelassen haben. In Mecklenburg, heißt es, geht die Welt erst 50 Jahre später unter. Dem kulturellem Verfall der westlichen Gesellschaft und dem Zerfallen deutscher und europäischer Infrastruktur entgehen wir auch hier nicht. Der Westen ist am Ende. In den nächste drei Jahrzehnten wird sich auseinandersortieren müssen, was zwischen Atlantik und Schwarzem Meer als gescheiterter Staat im Chaos der nächsten Völkerwanderung versinken will und was zur Sezession und für neue Bündnisse bereit ist.


*     *     *

Хотят ли русские войны?

Jewgeni Jewtuschenko


Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Ausschnitt)
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Es herrscht frappierende Verblendung in Westeuropa seit dem großen Krieg. Mit diesem wollten und konnten die Sowjet-Russen nichts mehr zu tun haben, hatten sich um ihr eigenes Land zu kümmern und zahlten für den Frieden einen ähnlich hohen Preis, wie Deutschland das nur wenige Monate später selbst tun sollte. Stalin erfand den Sozialismus in einem Land, verabschiedete sich 1926 von der Idee der Weltrevolution, liquidierte den Weltrevolutionär Trotzki, und keiner in Westeuropa nahm all das zur Kenntnis. Die Russen trugen die Hauptlast im Sieg über das Dritte Reich und Amerika profitierte. Seitdem ist Amerika die über Westeuropa und den Rest der Welt gesandte Plage, und den ganzen kalten Krieg lang erkannten die Westeuropäer das nicht. Das Sowjetimperium ging unter, die Welt wandelte sich binnen Monaten in eine unilaterale, und es wäre endlich an der Zeit gewesen, einmal innezuhalten und nachzudenken, aber Westeuropa wähnte sich siegend und sägte an dem Ast, auf dem es saß. Zehn Jahre später, als auch der Untergang Rußlands in greifbare Nähe gerückt war, gab das Land sich einen neuen Präsidenten. Der begann damit, daß er zur Welt sprach. Wir erinnern uns noch gut an die berührende Rede im deutschen Bundestag, ein Werben um Beziehung und Zusammenarbeit, und dazu an das Mienenspiel einiger Rotzlöffel in den vorderen Reihen. Der zweite kalte Krieg begann, und die Westeuropäer verstanden noch immer nicht, wer ihr wirklicher Gegner ist. Amerika wählte sich seinen meistgehaßten Präsidenten, der den besonderen Vorzug besitzt, die amerikanischen Interessen beim Namen zu nennen, und Westeuropa will es immer noch nicht wahrhaben. Wenn die Amerikaner demnächst den dritten Weltkrieg gegen Rußland oder China vom Zaun brechen, wird Westeuropa endgültig nichts verstanden haben.

Schlimmer noch: Westeuropa wäre mittlerweile ohne die Plage Amerika noch schlechter dran. Der westliche Zipfel Eurasiens, fünfhundert Jahre lang das kulturelle Zentrum und der Kolonisator der Welt, Hort des Kapitalismus und Sozialismus, ist bedeutungslos geworden. Hundert Jahre Spielwiese, Flugzeugträger und Raketenbasis Amerikas gegen seinen Hauptgegner, wird es nicht mehr gebraucht, seit das geopolitische Interesse Amerikas sich neuen Gegnern zugegewendet hat: China und Persien. Die europäische Union ist wirtschaftlich irrelevant geworden, die NATO militärisch, das Abendland kulturell. Amerika hat einen Präsidenten, der das dankenswerterweise offen ausspricht. Das wäre Gelegenheit, die europäische Vasallenschaft enden zu lassen, hätte wir in Europa zu einer überlebensfähigen eigenen Union gefunden. So aber wandelt sich Westeuropa, verbraucht in seinen eigenen Kriegen des 20sten Jahrhunderts, sterbensmüde, zur Brutstätte fremder, südlicher Rassen und Kulturen. Amerika, geschieden von uns durch zwei Ozeane und selbst mit einem eigenen Süden geschlagen, sieht es nicht ungern, wenn Rußland und das Herzland vollständig von einem Gürtel islamisierter Staaten umschlossen sind.

Alle Dinge haben zwei Seiten. Wohl war das beste, was dem östlichen Mitteleuropa passiert ist, daß ihm die zwangsweise Westbindung erspart blieb und es sich weitgehend aus eigener Kraft aus den Katastrophen des 20sten Jahrhunderts herauswinden mußte. Andererseits hat Ostmitteleuropa von der Einbindung in den europäischen Wirtschaftsraum außerordentlich profitiert. Den Schwur will es aber nicht für eine politische Union gelten lassen, von kultureller Anverwandlung ganz zu schweigen. Das östliche Europa sperrt sich, fremden Rassen, einer fremden Religion, fremden Kulturen auf archaischem Niveau Zugang zu gewähren. Im Osten nimmt man auch wenig Rücksicht auf die Partikularinteressen perverser Randgruppen.

Aber es ist nicht jeder frei, der seiner Ketten spottet. Wenn Osteuropa eine Zukunft haben will und sich nicht an die untergehende westeuropäische Union binden will, wird es sich in den vor uns liegenden 30 Jahren radikal umorientieren müssen. Die Ungarn sind schon ein Stück weiter, scheinen sogar die Sehnsucht nach einer erneuerten, austrifizierten europäischen Union als irrational erkannt zu haben, aber die ostmitteleuropäischen Völker werden einen nach den Erfahrungen der letzten drei Jahrhunderte schmerzhaften Schritt tun müssen. Irgendwann sollten die Polen und Balten begreifen, daß der Kampf um den Zugang zur Ostsee Historie ist und daß Rußland keinen sozialistisch-präkommunistischen Ostblock mehr benötigt, sondern seine Souveränität in den Grenzen seines Reiches erhalten will. Daß sie von ihrem neugewählten angloamerikanischen Hegemon nichts mehr bekommen werden als Raketen- und Raketenabwehrsysteme, gerichtet auf einen vermeintlichen Gegner, der nicht mehr ihr Gegner ist und den sie bald nicht mehr als ihren Gegner werden betrachten können bei Strafe ihres Untergangs in den Armen des Westens.

Die stockende Angleichung der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland an westdeutsche Standards ist ein großes Glück. Gewiß: Viele derer, die im Anhaltinischen, Thüringischen oder Mecklenburgischen Arbeit haben, haben die im Westen. Uns selbst ging es ja all die Jahre nicht anders. Aber die Lücken in der gleichmäßigen Bespaßung, abweisendes gesellschaftliches Klima und schlechtere infrastrukturelle Voraussetzungen zur Clusterbildung halten viele Einwanderer von der ostdeutschen Provinz fern. In unserer Markt- und der Garnisonsstadt sehen wir gelegentlich auch die eine oder andere Burkafrau, aber die Zahl der sichtbar werdenden Einwanderer ist gering im Vergleich zu dem, was man zum Beispiel in der tiefen hessischen Provinz erleben kann. Nur in wenigen Residenz- und Industriestädten des Ostens ist die Situation angespannt, von Berlin, das leider an seinen Süd- und Westflanken schon weit nach Brandenburg ausstrahlt, natürlich nicht zu reden. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung veröffentlicht zur demographischen Lage und zu den Unterschieden zwischen West und Ost beeindruckende Informationsgraphiken, die Hoffnung machen und erstaunlicherweise nicht im Giftschrank gelandet sind. Weiteres kann man wie immer bei Sarrazin nachlesen.

Verwelkte Blüte kehrt nicht zurück. Wenn es für uns Deutsche eine Zukunft unserer Kultur und Lebensweise geben sollte, dann liegt sie in einem neuen Bündnis mit dem Osten des Kontinents. Innerhalb der nächsten 30 Jahre wird der Westen islamisch beherrscht und in eine Reihe sich gegenseitig bekriegender Kalifatsstaaten umgewandelt sein. Das christliche Abendland muß Erneuerung in einem neuen, eurasischen Bündnis mit Rußland finden. Ein Bündnis, das womöglich sogar nur mit China wirtschaftlich lebensfähig sein wird. Die Ukraine und Weißrußland, heute Figuren auf dem "Herzland"-Schachbrett der Brzezinskis und Barnetts, werden wieder Teil der rußländischen Föderation sein, wo sie historisch hingehören, und werden sich dafür glücklich preisen können.


Hieronymus Bosch, Das Steinschneiden (Ausschnitt)
Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain

Falls wir in dem von der westlichen liberalen Krankheit noch weniger infizierten Teil Deutschlands eine Fortexistenz als Volk wollen, liegt es bei uns, die Sezession zu betreiben und mit Ostelbien als ehemaligem slawischem Siedlungsgebiet oder einschließlich ganz Mitteldeutschland, entlang der Linie des Potsdamer Abkommens, Teil des kontinentalen Bündnisses zu werden. (Und wir können uns überhaupt nicht vorstellen, was aus dem besonderen politischen Gebiet Berlin anderes werden könnte als eben ein besonderes politisches Gebiet.) Das wird uns nicht geschenkt werden. Wenn wir nicht Widerstand leisten, werden wir in staatlicher Einheit der BRD in das poststaatliche Chaos versinken und die Grenze zwischen dem Imperien wird einst die Oder sein, nicht Elbe und Saale. Vielleicht werden wir ja zum Ende unseres Lebens, im letzten Drittel des letzten Drittels sozusagen, in einem Gemeinwesen angekommen sein, das unsere Wertschätzung verdient.

Aber angemessen kulturpessimistisch bezweifeln wir, daß es sich für unser Volk zum Guten wenden wird. Den nötigen Furor wird es nimmermehr aufbringen. Die in den vergangenen 30 Jahren im Osten herangewachsenen Generationen wurden längst der Reeducation unterzogen, und wir befürchten, daß diese erfolgreich sein wird. Wir Reaktionäre, Chauvinisten, Rassisten, Fundamentalisten und Leugner von irgendetwas werden einmal alle gestorben sein.


*     *     *

Warum schreiben wir dies alles hier? Muß das denn sein: sich in Unfrieden begeben mit seiner Umwelt und Unverständnis ernten bei denen, die lieber nichts sehen, nichts hören, nichts sagen? Wir bewegen doch eh nichts, werden nicht einmal gefunden hier im hintersten Winkel des Internets. Aber: Wir haben uns unsere Unabhängigkeit erarbeitet und besitzen nun die Freiheit, uns, wie Jünger vorschlug, ein W auf die Mauer zu malen, das für "Widerstand" stehen mag.

Wir erinnern uns an ein Mensagespräch mit Studienkollegen, das könnte 1985 oder 1986 gewesen sein. Es ging um die Frage, ob man nicht seiner Karriere etwas Gutes tun sollte und in die Partei eintreten. Wir selbst vertraten die Auffassung, daß man so etwas lieber sein lassen sollte. Wir meinten, es könnte ja durchaus auch wieder einmal anders kommen, und führten das Beispiel unseres Großvaters an, der in die NSDAP eintrat, um Bahnhofsvorsteher werden zu können. Ein Schritt, der seine Familie im Jahre 1945 wieder in recht schlichte Verhältnisse zurückwerfen sollte. Das Gespräch wurde recht einsilbig angesichts solch lästerlicher Rede und es mag für den 25-jährigen vermessen gewesen sein, davon zu sprechen, daß die Verhältnisse sich drehen könnten, was in jenen Jahren ja durchaus noch nicht naheliegend war, aber er sollte recht behalten.

Es lohnt, nein zu sagen, so laut man es halt kann, auch wenn das nur ein bescheidener Beitrag ist. Vielleicht behalten wir ja auch diesmal wieder recht. So ist Geschichte: Über lange Strecken, weit über die Grenzen unserer Geduld und Verzweiflung hinaus liegt sie mit bleierner Schwere auf uns und Trost spendet nur die Dialektik. Und dann macht sie gelegentlich unerwartete Wendungen, angestaute Quantität schlägt in Qualität um, sie springt von Negation zu Negation, daß es wie ein einziges großes Fest ist. Fegt Staaten hinweg und auch wieder deren Nachfolgestaaten, 1871, 1933, 1945, 1989, 2037, und jedes mal, wenn solches geschieht, ist es eine berauschende Zeit und alles scheint möglich. Doch: Wir denken, das werden wir noch einmal erleben.

 


Wunderwaffen für die Wende im Energiekampf

Von Thomas Bez
05.04.2019 17:34 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Triggerwarnung: Alle großen Untergänge ähneln einander. Davon könnten Sie nichts hören wollen.

Sie haben es vielleicht im Nachhinein in der inoffiziellen Presse gelesen: Herr Falschbart vom Ministerium für Ueberfluß hat auf Google Maps eine Podiumsdiskussion geführt. Vielen wird gar nicht bekannt gewesen sein, daß man auf Google Maps eine Podiumsdiskussion führen kann, und Herr Falschbart war auch allein auf dem Podium. Er sprach darüber, wie der Energiebedarf der künftigen deutschen Manufakturwirtschaft übertroffen werden wird, ohne ihn zu erreichen. Herrn Falschbart war es nicht erlaubt, genauer zu sein als: "Ich kann Ihnen das erzählen, weil ich so clever bin, daß Sie eh nicht hinterherkommen."

Es war uns vergönnt, eine geheime Forschungsstation der DUH, der Dreisten Unterschleif Hastdunichtgesehn (besser bekannt unter dem Namen Operationsgruppe Tod) zu besichtigen. Die Station ist in einem Wurmloch gelegen, das in einem historischen Stollen in der Nähe des Harz beginnt. Ein Wurmloch ist eine neue Errungenschaft der Physik, die dazu führt, daß man überall gleichzeitig sein Wesen treiben, in Überlichtgeschwindigkeit wieder weg sein und daher nirgendwo erwischt werden kann.


Die Jungs* von der OT sind wirklich auf dem Quivive. Wir haben die Verstromungsmaschinen 1 und 2 gesehen, über die Herr Falschbart nicht reden konnte, und über die wir selbstredend auch nicht reden können. Der Grund dafür liegt in der höchsten Geheimhaltung, der ihre quasi schon abgeschlossene Entwicklung unterliegt. Erst wenn der Energiemangel noch viel weiter vorgerückt ist, praktisch schon in unserem Land steht, werden unsere politischen Führer diese Maschinen ans Tageslicht holen, zum letzten gewaltigen Schlag ausholen und den unsicheren Zeiten auf ewig ein Ende bereiten.

Da wir es im Wurmloch mit gefühlsbetonter Logik und mit Physik auf der Ebene der unteren Quanten zu tun haben, können diese Maschinen nicht nur Strom bis zum Abwinken erzeugen, sondern auch sämtliches von den Klimafeinden BRIC emittierte CO2 in bedingungslose Grundeinkommen für alle Afrikaner umwandeln. So viel können wir Ihnen sagen: Sie (also diese Waffen natürlich) sind so schrecklich, daß uns bei ihrem Anblick das Blut in den Adern gefror.

Wir verlieren also das Vertrauen in die Weisheit unserer Führung nicht. Bis es aber soweit ist, haben wir lieber erst einmal mit einem zur Zeit wirklich schwer zu beschaffenden Exemplar aus der Nullserie der Verstromungsmaschine 1 selbst für Entsatz gesorgt. An eine V1 kann man ein ganzes Gehöft hängen – ist das nicht doppelplusgut? Man muß aber wirklich reichlich Benzin vorhalten.

 


Mission bald erfüllt

Von Thomas Bez
23.11.2018 17:40 UTC neu
(mit 1 Kommentar)
im Weblog TedescaNet


By Noborder Network - Flickr: rescue operation (off the canaries), CC BY 2.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14476

Glaubt jemand, unsere Machthaberin wäre noch davon abzuhalten, den Vertrag zu unterschreiben, der bald alle Schleusen für mißliebige Einwanderer öffnen wird? Dahinter stehen Interessen der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung, denen nicht mit Petitionen beizukommen ist. Ihre Mission wird in wenigen Tagen erfüllt sein. Es ist wie das letzte Türenschlagen ihres Abtritts. Ein Türenschlagen, das man auch in hundert Jahren noch hören wird.

Ihr ist mit etlichen, nur scheinbar einsamen Entscheidungen die dritte Zerstörung unseres Landes binnen eines runden Jahrhunderts gelungen. Diese ist noch nicht so augenfällig wie die beiden zuvor, dafür aber nachhaltiger. Was den Schaden betrifft, den sie Deutschland und Europa zugefügt hat, steht sie nur hinter einem Kanzler vor ihr zurück.

Das System, dem sie, selbst Fremdling, der sie ist, sich andiente, dem sie diente und das sie weitergewoben hat, bleibt uns erhalten. Die nächste Generation der Vollstrecker wird gerade in ihren Plätzen eingewiesen. Für ein Trump-Ereignis geht es dem Volk noch viel zu gut, und bis es einmal so weit sein könnte, wird es zu einem entscheidenden Teil ersetzt sein.

Biographen pflegen sich viele Dekaden lang an Spekulationen abzuarbeiten, was den einen oder anderen Potentaten möglich gemacht hat, was ihn persönlich angetrieben haben mag und in seinem zerstörerischen Tun so erfolgreich machte und wie es sein konnte, daß sich ihm so viele ergaben. Man darf gespannt sein, welche Kontinuitäten sie noch aufdecken mögen.

 

Kommentar von Thomas Bez am 24.11.2018 10:08 UTC:

 


Und wieder zeigt Köln, wohin die Reise geht

Von Thomas Bez
30.09.2018 09:36 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Artikel auf FAZ.NET am 29.9.2018: Erdogan in Köln

Der türkische Präsident weiht am Nachmittag die Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld ein. Am Mittag füllt sich die Stadt mit seinen jubelnden Anhängern. Für Unterstützer aus der Stadtpolitik ist der Tag dagegen eine herbe Enttäuschung.

 


"Erdogan gesturing Rabia"
This work has been released into the public domain by its author, R4BIA.com
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erdogan_gesturing_Rabia.jpg

Ein Meer roter Fahnen und weißer und blauer Kopftücher sehen Wir in der FAZ

Was da gerade auf unserem Boden dem islamischen Diktator zujubelt, sind die fein integrierten Nachkommen und Sippenmitglieder jener Fachkräfte, die wir uns seit den 1960er Jahren, also vor nunmehr 50 Jahren, ins Land geholt haben. Vermutlich die meisten von ihnen können beanspruchen, Deutsche genannt zu werden. Für den fremden Diktator sind seine Landsleute in der Diaspora nichts anderes als Saat, die aufgehen, sich mehren und sein und seines Gottes Imperium vergrößern möge. Die Bilder und die Zahlen der Teilnehmer von Kundgebung und Gegenkundgebung legen nahe, daß diese seine Landsleute nichts anderes beabsichtigen als ihm damit zu dienen. Jetzt sind sie halt da.

Wobei Wir keinen Anlaß haben, Uns über den ausländischen Diktator zu mokieren. Er tut genau das, was seine Aufgabe ist: seiner Nation und seiner Religion dienen. Die, die ihn bejubeln nach Jahrzehnten und Generationen in diesem Land, sind erwiesenermaßen in der Mehrheit unter ihren Landsleuten und beweisen, daß Integration das Gegenteil von Assimilation ist.

Zu relativieren ist, daß "wir" sie geholt hätten. Die damalige Unterwanderung war noch eine Angelegenheit von Westdeutschland, das den Siegermächten gehorchte und dessen Industrie gern billige Fremdarbeiter wollte. Auf das Konto der ostdeutsch sozialisierten Kanzlerin gehen nun neue Fachkräfte, die in weiteren 30 oder 50 Jahren genauso gut integrierte Nachkommen hervorgebracht haben werden, welche dann ebenfalls alle deutsche Staatsbürger sein werden und die Fünfte Kolonne noch viel finstererer Usurpatoren hier in unserem nimmermehr wiederzuerkennenden Land.

Die Bürgermeisterin, die zu anderem Anlaß einmal Armeslänge empfahl, soll wieder klare Worte gefunden haben. Sie klagt über mangelnden Respekt für sie, ihr Amt, die Kölner allgemein. Von weiteren klaren Worten ist nichts überliefert. Der Sieger respektiert aber niemanden und nichts außer seinem Clan, seinem Stamm und seiner Religion. Man darf schon einmal üben, den Arm zum Rabia-Gruß hochzureißen, das wird noch gebraucht werden, denn der Islamismus gehört zu Deutschland.

Freilich: Fernab von allen Brennpunkten wie Berlin, Köln, Frankfurt, Chemnitz müssen Wir in den Tiefen Unserer mecklenburgischen Provinz eigentlich keine Notiz von solchen Geschehnissen nehmen. Hier ist was viele Städter neuerdings gern als zu unserem Land gehörend sehen wollen schlichtweg nicht existent. Die Leute sprechen deutsch und denken gesund. Das Land ist hier noch unser, im nahe gelegenen Garnisonsort ist das nicht anders, und die Residenzstadt ist fern.

Und dreißig Jahre sind ohnehin Unsere anzunehmende Restlaufzeit, was dann kommt, geht Uns selbst nichts mehr an. Uns will scheinen, es gab nie ein komfortableres Leben auf Erden als dieses hier und heute. Wir tanzen auf dem Vulkan. So viel wird morgen anders sein.

 


Lärm um Chemnitz, Stille um Köthen

Von Thomas Bez
10.09.2018 18:04 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Kommentar zu einem Beitrag von Martin Lichtmesz in Sezession

Es ist merkwürdig still um Köthen in der Systempresse. Da skandieren angeblich 500 von 2.500 Demonstranten "Nationaler Sozialismus jetzt!", was ganz schön laut gewesen sein müßte, und darüber schreibt gerade mal die FAZ einen moderaten Artikel. Da hieß die Demonstration auf einmal doch Trauermarsch, und an seinem Rande wären zunächst keine Ausschreitungen oder Gewaltszenen bekannt geworden. Das freut Uns sehr und zu Unserer Überraschung anscheinend auch die FAZ, denn sie meldet, daß Blumen und Kerzen niedergelegt wurden.

Beim Spiegel kann man sich an Maaßen abarbeiten und ist froh, über einen liebsamen (Sagt man so? Wir meinen einen nicht ganz unliebsamen.) neuen Bürgermeister in Sachsen berichten zu können. Die Zeit schreibt von Neonazis, unterschlägt aber die Parolen. Und so weiter durch die Presselandschaft. Am ausführlichsten berichtet ausgerechnet die NZZ. Die meldet sogar, daß ein Redner das Wort Rassenkrieg benutzt habe. Ach ja, TAZ und Huffington Post auch.

Eigentlich müßten alle unisono aufgekreischt haben. Was ist der Grund für diese gespenstische Zurückhaltung? Ist es die nackte Angst des Apparats, daß jedes bißchen weitere Konfrontation demnächst einen Ausbruch befeuern könnte? Stehen wir dichter vor Aufständen als bisher geahnt? Jedem Falken und sogar jedem Trottel ist wohl bewußt, daß ein Staat nicht als derselbe aus einem (wenn auch nur lokalen) Ausnahmezustand herauskommt, als der er hineingeschliddert ist.

Wie fein die Medien gleichgeschaltet sind, wundert Uns freilich nicht, aber dies ist ein hübsches Exempel. Haben Presse, Funk und Fernsehen in ihrer Liebedienerei, ihrer etwas außer Kontrolle geratenen Schreiberei und Rederei über Chemnitz, etwas zu viel des Guten getan? Ihre Norm zu sehr übererfüllt? Führt zu dem Spin der Berichterstattung über Köthen vielleicht weniger die aufkeimende Angst des Apparats vor Unruhen, sondern eher der Wunsch, vor den anstehenden Wahlen wieder etwas bleierne Schwere zu schaffen? Dann können wir zumindest hoffen, daß der Ton des offiziell geführten Teils der Debatte sich auch im weiteren für die nächste Zeit wieder etwas mehr versachlicht.

Was natürlich nicht heißt, daß wir nicht erst recht Tacheles reden müssen.

Das Hoffnungslose des Zustands, in dem wir alle uns hier und heute befinden, zeigt sich jeden Morgen, wo eine der ersten Unserer Handlungen ist nach dem Tablet zu greifen und schnell drei, vier Nachrichtenseiten durchzusehen, ob es schon wieder irgendwo einen Messermord gegeben hat und ob ein Krieg Amerikas mit Rußland womöglich unmittelbar bevorsteht.

 


Die Identitäre Bewegung verliert ihre Kampagnenfähigkeit

Von Thomas Bez
04.08.2018 07:08 UTC neu
(mit 1 Kommentar)
im Weblog TedescaNet

Eine Zeitlang haben Wir die Identitäre Bewegung durch Unsere Fördermitgliedschaft unterstützt.

Wir glauben nach wie vor an die Identitäre Bewegung und ihre Ziele und halten ihre Methode des gewaltfreien Kampfes für eines der besten Konzepte, die von der Neuen Rechten ausgearbeitet wurden. Wir halten ihre Vorgehensweise nach wie vor für hervorragend geeignet, die politischen Treueverhältnisse unter den Völkern der mittel- und westeuropäischen Länder zu einem neuen Gleichgewicht zu verschieben. Die Aktion Defend Europe hat Uns sehr beeindruckt, war außerordentlich professionell gemacht und sie hat dem Widerstand gegen die durch den Kulturfeind in unserem Innern forcierte Einwanderung den richtigen Spin gegeben.


By Quelle: Reutersdpa/jm, CC BY-SA 4.0
https://www.welt.de/politik/deutschland/article157876725/Identitaere-Bewegung-klettert-auf-das-Brandenburger-Tor.html
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74314258

Wir sind aber nicht sicher, ob die Identitären selbst noch an sich glauben. Sehr zu bedauern ist, daß die Kräfte der Bewegung durch die Gegenoffensive der Staatsapparate und ihrer willigen Helfer in der Wirtschaft in den letzten Monaten gebunden waren. Das Scharmützel gegen die Willkür der sogenannten freien Wirtschaft, das Vorführen Englands als Hort der Unfreiheit und der Zwischensieg gegen die österreichische Justiz, zum Beispiel, haben gewiß viel Kraft und Mittel gekostet, entwickeln aber nicht die Bildmächtigkeit, die nötig ist, um die Masse des Volkes zu erreichen.

Uns selbst ist das Elitäre der IB sympathisch, aber für das Volk sind die Aktivitäten, die Defend Europe nachfolgten, zu wenig "Straße". Es würdigt den, der Handlungsmacht demonstriert (wie auf dem Brandenburger Tor oder dem Mittelmeer), nicht den, der nur recht hat (wie in englischer Abschiebehaft). Das ist die Grenze, die der Metapolitik, wie wir sie seit 70 Jahren oder so betreiben oder betrieben sehen, leider gesetzt ist. Geredet und geschrieben wird schon genug. Die Bedeutung der Identitären Bewegung steht und fällt mit ihrer Kampagnenfähigkeit.

Wir wollen nicht undankbar sein. Daß das Geschäftsmodell der ganzen Privatorganisationen, die auf dem Mittelmeer jahrelang Schleusertätigkeiten verrichtet haben, jetzt zusammengebrochen ist, verdanken wir primär einer Hoffnung machenden neuen Regierung in Italien. Zu einem guten Teil aber eben auch den Identitären, die einen Bewußtseinswandel innerhalb der Völker befeuert haben. Defend Europe war eine geschichtliche Leistung.

 

Kommentar von Thomas Bez am 26.10.2018 07:03 UTC:

Ein neuerer Artikel Martin Sellners hier auf Sezession läßt Uns Resignation fühlen, die Wir ihm nicht verdenken können. Und dennoch finden Wir es jammerschade, wenn der intellektuelle Teil des Kaders sich jetzt in die Metapolitik zurückzieht, welche gewiß auch verdienstvoll ist, aber über Jahrzehnte und Aberjahrzehnte nichts bewegt hat als andere Intellektuelle.

Freilich, mehr tun Wir auch nicht. Ziehen Uns auf Unsere "Rote Schanze" zurück, malen Uns ein W auf die Mauer oder ins Weblog und bilden Uns ein, Wir pflegten etwas monastischen Geist. Wissend, daß das, was Wir da tun oder unterlassen, viel zu wenig ist.

 


Kein Echo

Von Thomas Bez
25.04.2018 17:02 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Anläßlich des Beitrags Kollegah vs. Campino: Kulturkampf oder Ablösung? auf Sezession

Noch vor wenigen Tagen hätten Wir einem Interviewer nicht einmal beantworten können, was der Echo denn sei. "Der Echo", hätten Wir vielleicht gesagt, das klingt nach einem Preis, so wie "der Oskar", wobei "der Echo" den Preischarakter des Echo deutlicher betont, weil es sonst "das Echo" hätte heißen müssen.

Wir vermuten nun nicht nur mehr, daß "der Echo" ein Preis war, Wir wissen es sogar. Aber da war er schon abgeschafft. Durcheinandergewirbelt in einem Shitstorm, zugrundegeschrieben von allen Medien, zurückgegebenen von allen unterbelichteten früheren Empfängern (darunter auch einige, deren Unterbelichtetsein Uns bislang entgangen war), eingestellt von seinen Auslobern. Eine absterbende Gesellschaft in einem untergehenden Staat schleift eine weitere ihrer kulturellen (so hört man) Institutionen. Denn er hat "Auschwitz" gesagt.

Mehr nicht, mehr war auch gar nicht nötig. Von Juden soll nicht die Rede gewesen sein. Aber egal. Schon das Wort "Auschwitz" allein ist in der neueren deutschen Geschichte immer ein schöner Auslöser der Fremd- und Selbstabschaffung. Ein bißchen Rap, echtes deutsches Kulturgut, wie alle wissen (auch wenn wir selbst von Rap wenig verstehen), das Wort "Auschwitz", und weg ist er, der Echo. Na sowas. Das war ja mal ein echter Rap, ein Meta-Rap, sozusagen.

Wer ist jetzt borniert – Wir oder diejenigen, die sein, des Echo, Verschwinden je nach ideologischer Ausrichtung mit Bedauern oder Genugtuung beobachten?

Fand überhaupt eine Beschimpfung statt? Und falls ja, wer eigentlich war der Beschimpfte in einer undurchsichtigen Textzeile eines unverständlichen Liedes? Und gehen Uns der Beschimpfende oder der womöglich, mutmaßlich Beschimpfte irgendetwas an?

Wird jemand eines Tages zu passender Gelegenheit das passende Triggerwort über Deutschland sagen? Womöglich gar irgendein Beutedeutscher? Ein so kräftiges Wort zu so passender Gelegenheit, daß das gesamte indigene und sonstige Staatsvolk oder zumindest eine signifikante Mehrheit von SPD bis AFD wie aus einer Kehle ruft: "Deutschland, du mieses Stück Scheiße, du gehörst ja tatsächlich abgeschafft, hinweg mit dir!" – Wird dann Deutschland kurzerhand geschlossen, eingestellt oder aufgelöst? (Ja, wie benennt man diesen Vorgang?) Wird das Uns dann genau so wurst sein wie jetzt die Abschaffung des Echo? (Immerhin wissen Wir, was Deutschland einmal war, im Gegensatz zum Echo, von dem Wir bislang nichts wußten.)

Wird ein Dichter, vielleicht einer wie Botho Strauß, eine Farce schreiben des Titels "Deutschland. Ein Verdämmern", die dann auf norwegischen und albanischen Staatstheaterbühnen aufgeführt wird? Werden Wir davon Kenntnis nehmen und welches Medium wird übrig geblieben sein, diese Kenntnis zu Uns zu tragen in Unser mecklenburgisches Exil?

Wir fühlen Uns in dieser Causa irgendwie unpolarisiert, zumindest stark unterpolarisiert. Benn kam Uns wieder einmal in den Sinn: "Die Clique, die klatscht, ist das gleiche Kaliber wie die Clique, die pfeift, die einen sind von rechts dumm, die andern sind von links dumm." Wir werden es wohl dabei bewenden lassen und sehen alles rein phänomenal.

 


Kontokündigung

Von Thomas Bez
14.04.2018 06:35 UTC neu
im Weblog TedescaNet

Das Institut für Staatspolitik, ihm angeschlossen die Zeitschrift Sezession, unsere Lieblingspublikation der Neuen Rechten, meldet, daß ihm von der Postbank das Konto gekündigt wurde. Eine üblich gewordene Repressionsmaßnahme gegen Andersdenkende in unserem freiheitlichen System. Ob natürliche oder juristische Person – die Existenz steht auf dem Spiel, wenn man kein Konto mehr führen kann. Stellen Sie sich mal vor, man entzieht Ihnen das Bankkonto, weil Sie unliebsame Dinge äußern. Miete zahlen wird schwierig, das Gehalt können Sie im Köfferchen abholen (wenn Sie noch lange Gehalt kriegen), Schluß mit Paypal und Amazon, die Kreditkarte haben Sie auch nicht mehr lange. Dann gehts ans Eingemachte und danach wird Hartz Vier bar abgeholt.

Es muß (meist) nicht um das nackte Leben fürchten, wer andere Meinungen vertritt als der Mainstream. Aber fast alles sonst kann uns passieren. Die Drohung hängt über uns, daß wir Arbeit oder Aufträge verlieren, daß wir verleumdet und denunziert werden, daß wir in den sogenannten sozialen Netzwerken gesperrt werden, daß uns Bankkonten oder Versicherungen gekündigt werden und wir keinen Zugang zu Ersatz erhalten. Das alles selbstverständlich im Rahmen des geltenden Rechts, der Vertrags- und Meinungsfreiheit. Wir dürfen sagen, was wir wollen (nun, das meiste, na, jedenfalls einiges) und das Syndikat unserer Gegner darf uns dafür vernichten.

Die Drohung hängt auch über uns, daß wir mit falschen oder wahren Anschuldigungen erpreßt werden, daß uns der Zugang zu Haus und Hof blockiert wird, daß uns Auto oder Haus angezündet werden. Das ist zwar nicht ganz im Rahmen des geltenden Rechts, aber wie sollten die Organe dem Recht Geltung verschaffen, wenn sie keines Täters habhaft werden?

Wer etwas zu verlieren hat (Menschen oder Dinge, die ihm lieb sind, eine bürgerliche Existenz), läßt dies besser im Verborgenen blühen und verhält sich still. Das war unter Honecker und Ulbricht so, unter Stalin, unter dem Unaussprechlichen...

Wir nennen es Terror.

Wir werden unseren Banken schreiben, daß sie in unserer Achtung stiegen, sollten sie dem IfS ein Konto eröffnen. Wir möchten unseren Freunden anheimstellen, bei ihren Banken das gleiche zu tun. Nicht daß wir glaubten, dies könne viel bewirken. Welche Bank will schon das Syndikat verärgern. Aber vielleicht doch. Es kostet nur fünf Minuten für einen Brief und etwas Porto, und sogar wer noch im Berufsleben steht, kann sich so viel Unterstützung für einen konservativen Thinktank erlauben.

 


Der Faschismus, noch immer in seiner Epoche

Von Thomas Bez
29.03.2018 19:59 UTC neu
(mit 1 Kommentar)
im Weblog TedescaNet

"Dogville", wieder gesehen nach 15 Jahren

Vor 15 Jahren erschien Lars von Triers Film "Dogville". Seine Darstellungsmittel erschienen avantagardistisch, viele mögen geglaubt haben, der Film sei auf ihrer Seite, also sozusagen irgendwie links. Den Ort Dogville ausgelöscht hat schließlich auch nur eine finstere Verbrecherclique, da war alles klar im Raster von gut und böse und man mußte nicht genau hinhören. Den wuchtigen Schlußdialog wollte wohl niemand zur Kenntnis nehmen:

Grace: Ich schwinge mich nicht zum Richter über andere auf.

Vater: Du schwingst dich nicht zum Richter auf, weil du mit ihnen sympathisierst. Sowas wie eine zerrüttete Kindheit, und in der Folge davon ist ein Mord nicht unbedingt ein Mord – richtig? Du machst allein die Umstände für alles verantwortlich. Vergewaltiger und Mörder mögen gemäß deiner Auffassung Opfer sein, doch ich nenne sie Hunde. Und wenn sie ihr eigenes Erbrochenes auflecken, kann man sie nur mit der Peitsche davon abhalten.

Grace: Aber Hunde gehorchen nur ihrer eigenen Natur, warum sollten wir ihnen nicht vergeben?

Vater: Hunden kann man viel Nützliches beibringen, aber nicht, wenn wir ihnen jedes Mal vergeben, wenn sie ihrer eigenen Natur gehorchen.

Grace: Also bin ich arrogant, weil ich anderen Menschen vergebe?

Vater: Wie herablassend du bist, wenn du das sagst. Du gehst von diesem Vorurteil aus, daß niemand einen dermaßen hohen moralischen Anspruch an sich stellt wie du. Also entlastest du sie. Du vergibst anderen mit Entschuldigungen, die du nie und nimmer für dich selbst geltend machen würdest.

Grace: Warum sollte ich nicht barmherzig sein?

Vater: Nein, du solltest barmherzig sein, wenn Barmherzigkeit angebracht ist. Aber bleib dabei deinen Ansprüchen treu. Das schuldest du ihnen. Die Strafe, die du verdienst für all deine Vergehen, verdienen auch sie für all ihre Vergehen.

Grace: Sie sind menschliche Wesen.

Vater: Muß sich jeder Mensch für seine Taten rechtfertigen? Natürlich muß er das. Doch du läßt ihnen nicht einmal die Chance dazu.

Grace: Die Menschen, die hier leben, tun ihr Bestes unter sehr harten Bedingungen.

Vater: Wenn du das sagst, Grace... Aber ist ihr Bestes wirklich gut genug?

Erzähler: Grace sah all die verängstigten Gesichter hinter den Fensterscheiben und schämte sich dafür, daß sie diese Angst mit verursachte. Wie konnte sie sie jemals hassen für etwas, was im Grunde lediglich Schwäche war? Hätte sie nicht das gleiche getan wie all diese Leute in ihren Häusern? — Grace hielt inne, und währenddessen zerstoben die Wolken und das Mondlicht zeigte sich. Und Dogville machte wieder eine jener kleinen Lichtveränderungen durch. Es war so, als wenn das Licht, zuvor barmherzig und schwach, sich weigerte, die Stadt noch länger zu schützen. Das Licht drang jetzt in alle Unebenmäßigkeiten und Makel an den Gebäuden. Und an den Menschen. Und mit einem Mal kannte sie die Antwort auf ihre Frage nur allzu gut. Hätte sie selbst so gehandelt, wie die Menschen hier – nicht eine einzige ihrer Taten hätte sie verteidigen können und nicht streng genug verurteilen. Nein, was sie getan hatten war nicht gut genug. Und wer die Macht besaß, dies richtig zu stellen, hatte die Pflicht, es auch zu tun. Um anderer Städte willen, um der Menschheit willen, und nicht zuletzt auch um des Menschen willen, der Grace selbst war.

Grace: Ich könnte teilhaben daran, Probleme zu lösen, so wie das Problem von Dogville.

Vater: Wir könnten anfangen, indem wir einem Hund erschießen und ihn an die Wand nageln. Das hilft manchmal.

Grace: Nein, nein. Das würde die Stadt nur noch mehr verängstigen, aber nicht zu einem besseren Ort machen. Und es könnte wieder geschehen, falls zufällig dort jemand vorbeikommt und enthüllt, wie verletzlich sie sind. Diese Welt soll durch mich ein kleines bißchen besser werden. Wenn es eine Stadt gibt, ohne die die Welt besser dran wäre, dann diese hier.


Lars von Trier
by Georges Biard, CC BY-SA 3.0
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Die Provinzler, heißt es in "Dogville", können nicht "annehmen". Insbesondere nicht das Geschenk, als das eine Fremde sich darbietet, die nur eben nichts beitragen kann, um das prekäre Leben der Gemeinschaft leichter zu machen, da sie noch nie in ihrem Leben gearbeitet hat, die für den Ort ein Risiko darstellt, da sie von ihrem Clan und der Polizei gejagt wird, und die außerdem nervt, weil sie so hochnäsig wie ahnungslos daherkommt. Die Gemeinschaft reagiert auf den Zuzug der Fremden erst verstört, agiert dann unverschämt, niederträchtig, entwickelt sich schließlich gewalttätig vom Objekt zum Subjekt des Handelns und wird endlich durch den intellektuell und kulturell höherstehenden Protagonisten ausgelöscht, um die Welt dadurch besser zu machen.

Das ist wohlgemerkt keine Auseinandersetzung zwischen indigenem Volk und eingewanderten Fremden aus einem anderen Kulturkreis. Dieses Thema haben wir kürzlich erst mit einem anderen Film behandelt. Hier stoßen zwei Parteien aufeinander, die demselben Kulturkreis, vermutlich derselben Religion, demselben Volk, derselben Gesellschaft angehören, sich nur in ihrer Klassenzugehörigkeit unterscheiden. (Religionszugehörigkeit ist so eindeutig kein Thema in diesem Film, daß wir nicht einmal zu einer Meinung kommen können, ob von Trier mit der Besetzung des Gangstervaters mit James Caan absichtlich oder versehentlich eine falsche Spur gelegt hat.)

Die Bewohner des Provinznestes sind freilich wahrhaft unausstehlich. Einfaltspinsel, Lügner, Belästiger und Vergewaltiger. Graces Fazit, daß die Welt ohne diesen Ort besser dran wäre, ist für den Zuschauer nicht schwer nachzuvollziehen. Zumindest wurde dem Film im Jahre 2003, soweit wir wissen, dieses Fazit von keinem angekreidet, was schon erstaunlich ist, da doch die westliche Elite so sensibel für alle Schwingungen des Faschismus zu sein glaubt. Die Dramaturgie des Filmes ist darauf angelegt, beim Zuschauer Verständnis für Graces Entscheidung zu erheischen, und er entläßt uns mit dem Gefühl der Genugtuung. Man könnte es auch so sagen: Der Film empfiehlt in einer solchen Konstellation Auslöschung des Niedern durch das Höhere.

Der Film ist protofaschistisch. Damals waren die meisten wohl zu verwirrt, um das zu begreifen. Jedenfalls haben ihm die falschen Leute applaudiert, wie man an der Liste der Auszeichnungen und Nominierungen sehen kann. Oder sie wähnten sich auf der anderen Seite, der Seite derer, die "die Macht besäßen, es richtig zu stellen". Aber sie wußten nicht, was und wie es richtig zu stellen sei, sie wissen es immer noch nicht.

Vielleicht waren sie auch erotisiert von dieser Veranschaulichung der Oben-Unten-Schichtung, die die Mörderbande durch Auslöschung des Ortes gibt. Dieses Phänomen ist in der Geschichte des Faschismus häufig bezeugt. Auf den Provinzphilosophen Tom (Paul Bettany) übt der Vorgang jedenfalls eine solche Wirkung aus. Er lobt die Veranschaulichung in den höchsten Tönen und würde gern mitmachen, wird aber von Grace voller melancholischem Abscheu eigenhändig erschossen, was die Veranschaulichung abrundet. Auch von dieser Art der Ablehnung williger Bewerber hat man schon mehrfach gehört.

Kein Wunder, daß Anders Breivik diesen Film mag. Und was hat er getan? Die Veranschaulichung umgekehrt und gezeigt, wie er sich faschistischen Furor des philosophischen Provinzlers (besser: Weltprovinzlers) gegen die urbane Elite vorstellt. Richard Millet hat es in seiner "Éloge litteraire" analysiert. Seit Breivik dem Film seine eigene Auslegung ("Illustration" heißt der Vorgang im Film selbst, in der deutschen Fassung viel präziser "Veranschaulichung") gegeben hat, ist es still geworden um "Dogville". Gar von Trier selbst ist zurückgewichen, als ihm derart intensiv veranschaulicht wurde, wie man seinen Film weiterdenken kann, aber er ist ohnehin ein notorischer Von-sich-selbst-Distanzierer.

Die Zeiten sind andere geworden, seit "Dogville" 2003 erschien. Die Gesellschaft der Guten und Gerechten, deren Bestes eben auch nicht gut genug ist, hat begonnen, jene ernsthaft zu fürchten, die die Konsequenz erneut veranschaulichen könnten. Die Weltläufte sind ins Rutschen geraten, nicht weniger als das letzte Mal vor hundert Jahren.

Faschisten aller Couleur gehen aufeinander los, so muß wohl das Fazit lauten. Da findet sich Links gegen Rechts, Rechts gegen Links, "Somewheres" (dumpfes Landvolk) gegen "Anywheres" (globalurbane Scheinelite) und umgekehrt, Trumps Flyover-Country gegen Obama-Clintons besseres Amerika und umgekehrt. Da müssen es nicht einmal Kulturkreise sein, die aufeinanderprallen, unsere Kultur ist der globalisierten Welt nicht mehr gewachsen und hat sich sich selbst entfremdet. Wenn bei diesen Auseinandersetzungen überhaupt Ideologien eine Rolle spielen, dann nur als Ausdruck von Lebenswirklichkeiten, politischen und wirtschaftlichen Interessen. Das Sein bestimmt das Bewußtsein.

 

Kommentar von Thomas Bez am 18.05.2018 20:19 UTC:

Wir lesen gerade "Deutschland ab vom Wege" von Henning Sußebach, der mit 44 Jahren feststellt, daß es eine Welt außerhalb Hamburgs gibt und loszieht, sie zu erkunden. Sußebach ist ein netter Mensch, Wir sagen das ohne jegliche Ironie. Wir nehmen ihm alles ab, seine Naivität, seine Ehrlichkeit, seinen Willen zur Wahrheit und zum guten Tun. Nichts liegt ihm ferner als Faschismus, auch jegliches Verständnis dafür. Und dieses Unverständnis zu empfinden hat er reichlich Gelegenheit bei seinen Wegen über das Land. Aber wahrheitsverpflichtet, wie er ist, erkennt er, daß in den Tiefen der Provinz andere Gesetze wirken als in der Stadt. Daß das, was in der Stadt gehebelt wird, unvorhergesehene Verheerungen bei den Aliens da draußen hervorrufen kann.